Im Gespräch: Clemens Novak
BIG BundesimmobiliengesellschaftDipl.-Ing. Clemens Novak, geb 1979 in Wien, Architekturstudium an der TU Wien, staatlich befugter und beeideter Ziviltechniker (rB), langjährige Mitarbeit bei Wehdorn Architekten, seit 2016 Projektmanager im Unternehmensbereich Universitäten der Bundesimmobiliengesellschaft, Projektumsetzungen in Wien, vielfach unter Denkmalschutz, wie z.B. Campus Akademie der ÖAW, Josephinum Wien, Palais Springer-Rothschild
Clemens Novak © Foto Nelson
Bei dieser Ausgabe der Architekturtage geht es um das Thema „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags“. Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?
Infrastrukturen spielen seit jeher eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Stadt und Gesellschaft. Sie können der Nährboden für fruchtbare Entwicklung sein oder aber den Grund für soziale Spannungen bereiten.
Ein Beispiel: Die Bundesimmobiliengesellschaft hat in den Jahren 2020 bis 2022 den sogenannten "Campus Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften" im ersten Wiener Gemeindebezirk, Nähe Stubentor, realisiert. Es handelt sich dabei um eine gewachsene Struktur, die originär in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter Herzog Rudolf IV, dem "Stifter" bzw. dessen Bruder Albrecht III als Universitätsbau errichtet und seither immer wieder verändert wurde. Diese Gebäudestruktur der sogenannten "Alten Universität" stellte mit den dazugehörigen Gebäuden, wie insbesondere dem "Herzogskollegium", dem "Mathematischen Turm" und der "Burse" sowie den damit in Verbindung stehenden Durchgängen, kleinen Gässchen und öffentlichen wie halböffentlichen Plätzen bereits in seiner Entstehungszeit einen eigenen kleinen Bezirksteil dar, der, neben seiner ideellen Bedeutung für die weitere geschichtliche Entwicklung des Landes, jedenfalls auch städteräumlich identitätsstiftend für die Stadt wirkte. Ausgehend vom Kern der universitären Nutzung entwickelte sich um den genius loci eine Infrastruktur von Beziehungen, die Menschen, ihre Tätigkeiten und die Orte selbst umfasste. Aufblühen von Handel und Gewerbe, Dienstleistungen mancher Art, weitere neue Verkehrswege und Plätze waren die Folge und Erfolge dieser Entwicklung. Anhand historischer Quellen lässt sich diese deutliche Wahrnehmung des universitären Lebens in der damaligen Öffentlichkeit gut nachvollziehen. Es gab aber damals auch bereits durchaus kritische Stimmen: Berichte über nächtliches Lärmen und Musizieren, das Prellen der Zeche in den umliegenden Gaststätten und das lasterhafte Leben in den Straßenzügen des Universitätsviertels sind lebensnahe historische Beispiele für die Reibepunkte, die aneinandergrenzende und sich weiterentwickelnde Infrastrukturen mit sich bringen können.
Campus Akademie, Arkadenhof, Foto: © Bruno Klomfar
Maßgeblich wurde der Ort in der Folge von der Neukonzeption durch den Jesuitenorden im 17. Jahrhundert geprägt. Die nachfolgenden Epochen ergänzten die bereits großzügige räumliche Infrastruktur des Universitätsbaus weiter, adaptierten für neue Nutzungen, verwinkelten und verunklärten jedoch auch so manche Situation und entzogen so den Ort allmählich der Wiener Öffentlichkeit, bis schließlich der Entwurf des Architekturbüros RieplKaufmannBammer der Architektur die alte Logik und Offenheit und damit auch das infrastrukturelle Potential zurückholte an einen Ort, der seither wieder verbindet. Durch die Projektumsetzung rechtzeitig zum 175Jahr-Jubiläum der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2022 konnten weite Teile des Areals erstmals wieder für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dies war auch ein erklärtes Projektziel: Der wissenschaftliche Dialog sollte künftig verstärkt mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen geführt werden, um einerseits Forschung sichtbarer, nahbarer zu machen und andererseits neue Denkansätze und Impulse für die Wissenschaft zu gewinnen. Gleichzeitig wurde damit dem Bezirk ein qualitativ hochstehender Außenraum in Form des historischen Arkadenhofs "zurückgegeben", der alte Durchwegungen wieder ermöglicht und zum Verweilen einlädt: eine Wiesenfläche mit Bäumen, die auffallend ruhige Atmosphäre abseits des Treibens der angrenzenden Geschäftszonen, wahrhaft geschichtsträchtige Baukultur sowie mögliche spontane Begegnungen mit Wissenschaftern unterschiedlichster Disziplinen bis hin zum Nobelpreisträger sind Anreize für Besucher, diese Infrastruktur zu nutzen, die Menschen verbinden soll.
Diese Öffnung des Campus der ÖAW ist aus meiner Sicht eine Haltung mit Weitblick für die künftige Nutzung von innerstädtischen Bereichen. Die exklusive Bespielung von Gebäuden und öffentlichen Räumen für nur einen einzigen Zweck und dadurch eventuell nur temporäre Auslastung ist vor dem Hintergrund allerorts geforderter Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung bei gleichzeitig zunehmender Flächenversiegelung zunehmend schwerer argumentierbar. Stadtentwicklungsgebiete müssen in Zukunft eine Infrastruktur bereitstellen, die neben der ursprünglichen Nutzungsintention auch für weitere Bevölkerungsteile attraktiv sein kann. Vor allem bei Bildungsbauten und großzügigen Universitätsarealen könnte einiges an Potential für einen gewinnbringenden Mix an Nutzungen und gesellschaftlichen Potentialen bestehen. Der mittlerweile seit über zehn Jahren erprobte Campus WU beim Wiener Prater hat diesen Weg bereits früh eingeschlagen: Ein durchdachtes Gesamtpaket von Lehre, Gastronomie, Sportangebot, Geschäften etc. in Verbindung mit prägender Baukultur und selbstbewußten architektonischen Auftritten weist bereits die Richtung, den diese Entwicklung noch gehen kann.
Wo sehen Sie in ihrem Arbeitsbereich – bezogen auf das Thema Infrastrukturen - die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft?
Der BIG und insbesondere dem Unternehmensbereich Universitäten kommt als zentrale Anlaufstelle für die Planung und Umsetzung von Wissenschaftsbauten eine entscheidende Rolle zu, da sich das Selbstbild der Wissenschaft seit einigen Jahren wandelt: Der exklusive "gläserne Turm" wird vielerorts gerne gegen ein durchmischtes "Campus"-Areal getauscht, in dem Wissenschaft und Öffentlichkeit einander begegnen dürfen und sollen. Die Umsetzung dieser neuen Standortstrategie obliegt dann vielfach der BIG. Von den ersten Projektideen über die Standortsuche bis hin zur finalen Ausgestaltung laufen alle Fäden in unserem Konzern zusammen. Dabei den Bedarf der künftigen Nutzer bestmöglich zu kennen, ist wesentlich, doch gleichzeitig wird der Blick auf die Zukunft der weiteren Stadt(teil)entwicklung immer wichtiger. Wohin entwickelt sich die Umgebung, die Stadt, das Stadtbild, die Gesellschaft? Und wie kann eine bewusste, positive Beeinflussung dieser Entwicklung aussehen? Das hat auch mit der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung zu tun.
Bauherr:innen, Projektentwickler:innen, Behörden und Planer:innen sind hier aber gemeinsam gefordert: Positive wie auch negative Erfahrungen aus der Vergangenheit müssen objektiver Beurteilung unterzogen und eingefahrene Routinen im Planungs- und Bauprozess möglicherweise verworfen werden. Der zweckmäßige Einsatz innovativer technischer Möglichkeiten für die effiziente Nutzung künftiger Gebäude darf nicht aus rein wirtschaftlicher Betrachtung frühzeitig wieder verworfen werden, sondern muß entsprechend gewollt und auch gefördert werden. Hier wäre zunächst ein gewisser Pioniergeist bei Auftraggeber- und Planerseite abseits der kostspielig beworbenen Pfade der Bauindustrie gefragt und andererseits Vertrauen und Flexibilität, insbesondere auf Behördenseite, vonnöten, um dementsprechend technisches Neuland auch zuversichtlich betreten zu dürfen.