Im Gespräch: Clemens Foschi
Caritas Wien»Am Ende geht es um eine einfache Frage: Welche Räume braucht eine Gesellschaft, um füreinander Verantwortung zu übernehmen? Die Antwort darauf ist keine rein architektonische – aber ohne gute Architektur wird sie nicht funktionieren. Ich glaube, wir müssen soziale Infrastruktur wieder stärker als gesellschaftliche Grundversorgung begreifen. Nicht als Zusatzangebot, sondern als Fundament.«
Aktuell leitet Clemens Foschi u.a. das Projekt ‚Kirchenschiff‘ - eine spannende Neunutzung einer bestehenden Infrastruktur: Die Caritas Wien übernimmt ab 2026 die Kirche Auferstehung Christi im 5. Wiener Gemeindebezirk - ein Leuchtturmprojekt für die Weiternutzung von Kirchenräumen.
Clemens Foschi © Caritas Wien
Bei dieser Ausgabe der Architekturtage geht es um das Thema „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags“. Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden?
Infrastrukturen sind für mich weit mehr als technische Systeme. Sie sind die unsichtbaren Träger unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Erst soziale Infrastrukturen ermöglichen, dass Menschen einander begegnen, sich unterstützen und Teil einer Gemeinschaft werden.
Als Caritas verstehen wir Infrastruktur deshalb immer auch als Beziehungsraum. Eine Beratungsstelle, ein Lerncafé, eine Pfarrkirche oder ein Tageszentrum sind nicht nur Gebäude mit einer Funktion – sie sind Orte des Ankommens, der Würde und der Teilhabe. Sie verbinden Menschen mit Ressourcen, mit Unterstützung – und vor allem miteinander.
Gerade das Projekt, mit dem ich derzeit mit meinen KollegInnen beschäftigt bin – die Transformation einer Kirche in Wien in einen offenen sozialen Raum – soll zeigen, wie Infrastruktur verbindend wirken kann. Ein sakraler Raum wird zu einem Ort für Nachbarschaft, Beratung, Kultur und soziale Angebote. Gerade im 5.Bezirk, der den höchsten Nutzungsdruck aller Wiener Bezirke aufweist, braucht es zusätzliche öffentliche, konsumfreie Räume für die Bevölkerung.
Infrastrukturen verbinden also nicht nur physisch, sondern auch emotional und gesellschaftlich. Sie schaffen Zugehörigkeit – und das ist vielleicht die wichtigste Infrastruktur unserer Zeit. Infrastruktur verbindet, wenn sie Beziehung ermöglicht.
Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?
Gerade im sozialen Bereich reicht es nicht, dass ein Raum „funktioniert“. Er muss auch Sicherheit, Respekt und Offenheit vermitteln. Die technische Machbarkeit ist die Grundlage. Aber die räumliche Qualität entscheidet darüber, ob Menschen sich willkommen fühlen oder ausgeschlossen. Ein Sozialraum darf nicht wie ein Provisorium wirken. Er muss zeigen: Ich bin hier willkommen, kann mich einbringen und Teil einer Gemeinschaft sein.
In unserem Transformationsprojekt bedeutet das konkret: Wie kann ein historischer Kirchenraum so umgebaut werden, dass er flexibel nutzbar ist, ohne seine räumliche Kraft zu verlieren? Wie schaffen wir Akustiklösungen, mobile Strukturen, Wärmekonzepte und barrierefreie Zugänge, ohne die architektonische Identität zu zerstören?
Zudem soll das Potential von Kirchen als öffentlicher Raum wieder besser nutzbar gemacht werden. Wir stellen uns dabei die Frage, wie wir den Kirchenraum niederschwellig zugänglich und attraktiver gestalten können. Das wollen wir durch klare Kommunikation (wann ist die Kirche wie nutzbar), innovative Nutzungskonzepte (Ort der Stille, für Studierende zum Lernen, für Yoga, Konzerte etc) und Kooperation mit anderen Initiativen erreichen.
Wo sehen Sie im Bereich soziale Infrastrukturen die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft?
Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht die zunehmende soziale Fragmentierung unserer Gesellschaft. Einsamkeit, Armut, Migration, demografischer Wandel – all das erzeugt neue Bedarfe, während Budgets gleichzeitig unter Druck geraten.
Wir stehen vor mehreren Aufgaben:
Erstens: Transformation statt Neubau.
Bestehende Gebäude – Kirchen, leerstehende Geschäftslokale, ehemalige Verwaltungsgebäude – müssen als Ressource verstanden werden. Die Umnutzung wird zur Schlüsselstrategie, nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus sozialen Gründen.
Zweitens: Multifunktionalität.
Soziale Infrastruktur muss flexibel sein. Ein Raum kann am Vormittag Beratungsstelle, am Nachmittag Lernort und am Abend Treffpunkt für die Nachbarschaft sein. Diese Mehrfachnutzung braucht intelligente Planung und kooperative Modelle.
Drittens: Niederschwelligkeit und Zugänglichkeit.
Soziale Angebote dürfen nicht versteckt oder stigmatisierend wirken. Architektur spielt hier eine enorme Rolle: Transparenz, Offenheit, zentrale Lagen – all das entscheidet darüber, ob Menschen Angebote annehmen. Zusätzlich soll durch smartes social design, die Programmierung der Angebote,
Viertens: Resilienz.
Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig anpassungsfähige Räume sind. Künftige Infrastrukturen müssen krisenfest sein – sozial wie räumlich. Die Krisen der letzten Jahre haben gezeigt, dass wir in Zukunft Räume benötigen, die wir im Krisenfall flexibel für unterschiedliche Angebote nutzen können.
Am Ende geht es um eine einfache Frage: Welche Räume braucht eine Gesellschaft, um füreinander Verantwortung zu übernehmen? Die Antwort darauf ist keine rein architektonische – aber ohne gute Architektur wird sie nicht funktionieren.