WAS UNS VERBINDET - Infrastrukturen des Alltags
ARCHITEKTURTAGE 2026 - FESTIVAL FÜR BAUKULTUR UND INGENIEURTECHNIKFür die Programmgestaltung der Architekturtage 2026 bildet das breite Spektrum alltäglicher Infrastrukturen den Ausgangspunkt. Es eröffnet ein weites Feld an Themen und Formaten und führt unterschiedlichste Perspektiven zusammen – von städtischen Zentren bis in ländliche Regionen, von Gebirgslandschaften bis in die Ebene.Der Begriff Infrastruktur wird dabei bewusst weit gefasst. Dieser erweist sich nicht nur als grundlegendes Feld zwischen Architektur und Ingenieurwesen – zwischen Baukultur und Bauproduktion –, sondern auch als gesellschaftlich und politisch wirksamer Raum. Damit eröffnet sich ein Zugang zu komplexen Fragestellungen und zugleich eine Einladung an alle Interessierten, die oft als selbstverständlich wahrgenommenen Strukturen unseres Alltags in ihrer Vielschichtigkeit und Dynamik neu zu entdecken – unabhängig von Alter oder Vorwissen. Es entstehen Denk- und Gesprächsräume für Austausch und Diskussion über jene infrastrukturellen Systeme, die unser Zusammenleben prägen: manchmal trennend, vor allem aber verbindend.
Das Programm der Architekturtage in Kärnten:
27.05. Pre-Event: Filmvorführung »Koolhaas Houselife« & Paneelgespräch
28.05. Ausstellung, Workshops & 20-jähriges Jubiläum Architektur_Spiel_Raum_Kärnten
28.05. Open Studios - Tag der offenen Büros, Ateliers, Studios...
28.05. Zwei Häuser, eine Ausstellung – ein erweiterter Blick auf das, was uns verbindet...
28.05. Baulandmobilisierung und Leerstandsaktivierung - Themen A-Z - Land Kärnten
28.05. haus FRANZISKUS – Infrastruktur der Pflege, Baustellenbegehung
28.05. Infrastrukturgespräch »Wenn das Klima zur Herausforderung wird...«
29.05. Ausstellung, Workshops & 20-jähriges Jubiläum Architektur_Spiel_Raum_Kärnten
29.05. ORF Kärnten – Radiotag »Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags«
29.05. Kläranlage Klagenfurt
29.05. Das Museum Liaunig neu entdecken – ein Rundgang ins Verborgene
29.05. Bio - Urnenfriedhof »Paradies am Dom«, Projektbesichtigung
29.05. Skizziergang - Klagenfurt und seine [Stadt-]Brunnen
29.05. Filmvorführung »PlayTime – Tatis Herrliche Zeiten«
30.05. Infrastruktur am Zug – Zwei Städte, zwei Architekturhäuser im Dialog
30.05. Infrastruktur- und Monumentalbauwerke in Kärnten
Warum Infrastruktur?
Welche Formen von Ver- und Entsorgung, Transport und Verkehr, welche sozialen Infrastrukturen in Stadt und Land halten unser Gemeinwesen zusammen? Die Architekturtage 2026 richten den Blick auf jene dieser gebauten Infrastrukturen, die im Alltag unserer Umwelt fest verankert sind, und jene, deren Grundlagen gerade erst geschaffen werden. Infrastruktur folgt primär den Kategorien des Notwendigen und Funktionellen, wenn sie die Sicherung sämtlicher Abläufe des Alltagslebens organisiert. Trotz dieser Beschränkung kann Infrastruktur eine symbolische und repräsentative Dimension erreichen, oft allein durch ihre Größe, aber manchmal auch gezielt, geplant und gestaltet.
Infrastruktur ist das Zusammenwirken materieller und nichtmaterieller Anlagen, Vorrichtungen und Institutionen auf einen „übergeordneten Zweck“ hin. Sie sorgt nicht nur für den möglichst reibungslosen Ablauf im Alltag der Stadt und sichert so das (Über-)Leben seiner Bevölkerung, sie beeinflusst auch die Form und Gestalt städtischer und landschaftlicher Räume und prägt deren langfristige Entwicklung. Dabei bleibt sie meist im Hintergrund und tritt erst ins allgemeine Bewusstsein, wenn sie versagt. Dass sie in den Debatten der Architektur – selbst der Planung – vielfach einen Nebenschauplatz darstellt, ist vor diesem Hintergrund gänzlich unverständlich. Denn es bedarf kollektiver Anstrengungen und umfangreicher Kompetenzen in der Planung, Überzeugungskraft und technisches wie kulturelles Wissen, um Infrastrukturen Wirklichkeit werden zu lassen. Brücken, Kraftwerke, Bildungsbauten und die vielen sozialen Infrastrukturen des Sorgetragens. Feuerwachen und Serverfarmen, Großwärmepumpen und Logistikzentren. Sie alle prägen sie die gebaute Umwelt aus Stadt und Land – und alles, was dazwischen liegt. Grund genug, den Infrastrukturen des Alltags, ihrer Geschichte, Gegenwart und Zukunft eingehend Aufmerksamkeit zu schenken.
Greifbares Objekt und unsichtbares Netzwerk: Was die Infrastruktur uns erzählt
Gebautes Architektur-Objekt und unsichtbares Netzwerk sind in diesen Infrastrukturen untrennbar miteinander verzahnt. Infrastruktur hat ihre eigene Gestalt und ihre eigene Ästhetik. Die Architekturtage machen diese größeren Zusammenhänge, die sich in physischer Substanz manifestieren, begreifbar. So entfaltet sich ein Blick auf unsere gebaute Umwelt, als das, was die Gesellschaft verbindet, was Geschichten über unseren Alltag und unser Zusammenleben erzählt. Es lassen sich Brücken schlagen und Leitungen legen von der Vergangenheit in die Zukunft. Die in der Architekturgeschichte oft vernachlässigte Infrastruktur-Historie mit ihren Bahnstrecken, Kraftwerken, Hochquellenleitungen, Amtshäusern, Krankenhäusern und Bildungsbauten hat viele zivilisatorische Grundlagen geschaffen, die bis heute funktionieren, und deren Qualität sich vielfach erst im Laufe der Jahre herausstellt. Planung hat Konsequenzen, berechnete Kapazitäten bewähren sich, wie etwa die Extremwetterereignisse der letzten Jahre unmissverständlich klar gemacht haben, noch nach Jahrzehnten – oder auch nicht.
Das zukünftige Äquivalent von Bahnviadukten, Hochquellenleitungen und Kraftwerken sind die Infrastrukturen von morgen: Tiefenbohrungen und Erdsonden, Wärmepumpen und Windräder, Orte für Re-Use- und Recycling, die neuen Energie- und Anergienetzwerke der Dekarbonisierung und die digitale Infrastruktur von Datencentern. Hier entscheidet sich heute, was uns morgen verbindet, und manches (wie Windräder) ist sichtbarer und verändert unsere Landschaft, anderes (wie Erdsonden) passiert außerhalb unseres Blickfeldes. Doch beides ist wesentlich.
Systeme des Zusammenlebens, Netzwerke des Sorgetragens
Die Architekturtage zeigen sowohl herausragende Best-Practice-Beispiele dieser Infrastrukturen als auch umstrittene Bauprojekte, bei denen sich Fragen zu den Machtstrukturen stellen, die sie ermöglichen oder behindern. Aber auch die vielfältigen Phänomene in der »Grauzone« dazwischen sind erstaunlich ergiebig: Die Kisten in den Gewerbegebieten am Stadtrand und ihr System von Logistik und Lieferketten. Die Feuerwachen und die Bauhöfe in kleinen Gemeinden und ihr System von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Sie können Geschichten erzählen über das, was uns verbindet, und die Strukturen ihres Entstehens: Politische Entscheidungen, handfeste Interessen, Normen, Gesetze, Standards, Machtverhältnisse. Im sich dynamisch entwickelnden System der fossilen und postfossilen Energieinfrastruktur, von Öl- und Gaspipelines bis zu Windturbinen und Photovoltaikfeldern, bündeln sich die Machtinteressen der Geopolitik mit der planerischen Arbeit in Architektur, Ingenieurwesen und Landschaftsgestaltung. In der Gesamtschau lassen sie sich leichter erkennen und in der Nahaufnahme der Einzelobjekte lassen sie sich leichter begreifen. Denn Infrastruktur ist nicht nur Objekt und Netzwerk, sondern auch der Raum dazwischen – infrastructure space.
Vielleicht mehr als alles andere hält uns die soziale Infrastruktur zusammen, weil sie uns allen gehört. Denn es gibt, um Margaret Thatcher zu widersprechen, sehr wohl eine Gesellschaft. Krankenhäuser, Schulen, der soziale Wohnbau, die Netzwerke des Sorgetragens und die oft unterschätzte Care-Arbeit, die in ihnen geleistet wird. Kein Mensch ist eine Insel, und keiner dieser Bauten steht kontextlos alleine da. Gerade Bildungs- und Kulturbauten von Vorarlberger Schulbau der 1960er Jahre über die burgenländischen Kulturzentren der 1970er Jahre bis zum Wiener Campusmodell der Gegenwart bilden Systeme, die zwischen Strategie und Eigendynamik oszillieren.
(Text: Wolfgang Kos, Christian Kühn, Maik Novotny)
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Architekturinstitutionen: Burgenland: Architektur Raumburgenland / Kärnten: Architektur Haus Kärnten / Niederösterreich: ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich / Architekturmuseum: Architekturzentrum Wien / Oberösterreich: afo architekturforum oberösterreich / Salzburg: Initiative Architektur Salzburg / Steiermark: HDA - Haus der Architektur / Tirol: aut. architektur und tirol / Vorarlberg: vai Vorarlberger Architektur Institut / Wien: ÖGFA - Österreichische Gesellschaft für Architektur
Veranstaltet wird das Festival von der Bundeskammer und den Länderkammern der Ziviltechniker: innen sowie der Architekturstiftung Österreich.
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Weitere Informationen:
https://architekturtage.at/2026
https://architektur-kaernten.at
https://architekturstiftung.at
https://www.ztkammer.at