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Im Gespräch: Alexander Gogl

Institut für Gestaltung – Universität Innsbruck

»Infrastruktur wird vermehrt als kritische Schwachstelle der Gesellschaft wahrgenommen, die versteckt und geschützt werden muss.«

Alexander Gogl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gestaltung an der Universität Innsbruck, wo er lehrt und forscht. Er entwickelte Rauminstallationen für das aut in Innsbruck, die kulturtankstelle in Linz und das Melbourne Design Festival in Australien. 2022 hat Gogl die Ausstellung „Metabolimus der Stadt“ im afo architekturforum oberösterreich kuratiert und gestaltet. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dem Konzept des Stoffwechsels in Gebäude-, Stadt- und Regionalplanung. Außerdem verfasste er einen Beitrag in einem Sammelband von Kees Christiaanse über die Kartierungen von Städten und koproduzierte „Pop the Bubble“, eine Interviewserie über Architektur aus der Sichtweise von Nicht-Architekt:innen.

Alexander Gogl © Alexander Gogl

Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?

Drückt man in Sankt Martin im Mühlkreis die Klospülung, dann bewegt sich das Spülgut in unaufhaltsamer Gemächlichkeit 42 km ostwärts, presst sich dabei einmal durch die Donausohle, wechselt die Richtung nach Südosten und landet schlussendlich im Regionalklärwerk Linz-Asten. Dort angekommen, wird es geklärt und in eierförmigen Faultürmen an Mikroorganismen verfüttert. Diese stoßen bei ihrem Mahl Faulgas aus, das neben der Anlage verstromt wird. Der nach dem Mahl übrigbleibende Trockenstoff wird wiederum im Fernheizwerk Linz-Mitte in Wärme umgewandelt, die durch unterirdische Leitungen zu Linzer Haushalten gepumpt wird. So schließt sich der Kreis: Der einen Stuhlgang bringt den anderen ihre warme Stube.

Dieser Zusammenhang ist weder den auf der Quelle Sitzenden noch den Empfänger*innen bewusst, dabei ist das Prinzip des Verbrennens von getrocknetem Dung für das Erwärmen von Räumen eine archaische Praxis. Nur befinden sich in Industriegesellschaften zwischen beiden Enden ein weitläufiges, großtechnisches System, das den Stoffwechsel des Metabolismus der Stadt kanalisiert und lenkt: die Infrastruktur.

Infrastruktur ist omnipräsent. Sie durchdringt, vernetzt und strukturiert unseren Alltag. Sie ist aber auch unsichtbar und unsinnlich, arbeitet im Hinter- und Untergrund. Welcher Aufwand in die Erstellung und den Erhalt von Infrastruktur gesteckt wird, ist schwer fassbar. Welche Räume erschlossen werden müssen und welche Abhängigkeiten dadurch entstehen, ebenso wenig. Beides wird erst für alle sicht- und erfahrbar, wenn der Stoffwechsel ins Stocken gerät, wie anhand der Energiekrise der letzten Jahre in Europa erlebbar wurde.¹

In diesem Sinne ist Infrastruktur nicht Ziel, sondern Mittler: Sie bildet, wie Manuel Castells es nennt, ein Netz aus „technischen Fließräumen“, die Natur und städtische Kultur fließen lassen und so unseren arbeitsteiligen Alltag ermöglicht, in Stadt und Land gleichermaßen. Die Natur wird dadurch zum Konsumgut, Rohmaterial und Treibstoff der Gesellschaft.

¹ Auszug aus Alexander Gogl, Metabolismus der Stadt, 1. Aufl., Nachsatz 12 (afo architekturforum oberösterreich, 2023), 4.

Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?

 Infrastruktur ist ein Konzept der industriellen Wachstumsgesellschaft, das im Laufe des 19. Jahrhunderts in Westeuropa und den USA entstanden ist. Der Wohlfahrtsstaat versprach durch den Infrastrukturausbau Fortschritt, Wohlstand und Frieden zu bringen. Eröffnungen großer Infrastrukturbauten wurden politisch inszeniert und als Meilenstein gefeiert. Als Bedeutungsträger wurden diese auch häufig gestaltet. Dieser Gestaltungswille ist zwar nicht in allen Teilen, aber in allen Maßstäben auffindbar: vom Kanaldeckel hin zu Pumpspeicherkraftwerken. Die Bedeutung dieser für die Gestaltung des öffentlichen Raums oder der Landschaft ist nicht zu unterschätzen. Auf eine gut gestaltete Umwelt wird mehr Rücksicht genommen, als wenn diese hässlich oder generisch ist.

Auch im Wettbewerb um Einwohner:innen, Unternehmen, Tourist:innen und Investor:innen ist Infrastruktur ein wichtiges Gut. Dies führte einerseits zu einer fortlaufenden Modernisierung bestehender Orte während einer wirtschaftlichen Wachstumsphase. Andererseits führte der schrittweise Ausbau und die Maxime, räumlich benachteiligte Gebiete am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben zu lassen, auch zur Zersiedelung von Landschaften. Hier hätte viel Schaden vermieden werden können, wenn Siedlungswachstum mit Dichte- und Anschlussvorgaben an bestehende Ortskerne geknüpft worden wäre. Dabei versiegelt jeder Siedlungsbau nicht nur Fläche, sondern zieht auch einen Wulst an ober- und unterirdischen Ver- und Entsorgungsstrukturen mit sich, die errichtet, gewartet und erneuert werden müssen. Kosten, die auch künftige Generationen tragen müssen.

Die positive Sichtweise auf Infrastruktur hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gedreht, wie auch an der Abnahme der gestalterischen Qualität der im Alltag unmittelbarsten Elemente dieser erkennbar ist: Gehen Sie mit offenen Augen und gesenktem Blick durch den Ort an dem Sie gerade sind und suchen Sie die Eingänge in den technischen Unterbau. Nicht alle Kanaldeckel und Schachtabdeckungen werden ident sein. Die älteren oder jene, die an zentralen, touristisch wichtigen Orten sind, werden reicher verziert sein und vielleicht sogar das Wappen des Ortes enthalten. Die neueren werden nur noch den Namen des Herstellers und ein einfaches Schachbrettmuster abbilden. Deutlicher wird der Unterschied, wenn Sie diese industriell gefertigten Werke mit den Produkten der Kabelverteilerkästen vergleichen. Jenen unscheinbaren, grauen Mäusen, die in fast jeder Ecke des öffentlichen Raums kauern. Dabei sind diese bedeutsamen Belanglosigkeiten, wie Vittorio Magnago Lampugnani sie nennt, in ihrer Summe wichtig für die Gestaltung des öffentlichen Raums.

Die Gründe für eine zunehmend kritische öffentliche Wahrnehmung von Infrastruktur können in drei Punkten umrissen werden: Erstens, ist es unbestreitbar, dass die Infrastrukturentwicklung des letzten Jahrhunderts immer wieder ganze Landschaften durchschnitten oder Täler geflutet, in Summe eine große Fläche verbraucht, Anrainer belästigt und zu politischen Abhängigkeiten von anderen Staaten oder international tätigen Konzernen geführt hat. Diese Nachteile erhalten im öffentlichen Diskurs mehr Gewicht, da ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung dem Versprechen von Wohlstand durch Wachstum nicht mehr glaubt. Ein mehr ist besser wird von einem genug ist genug abgelöst, das zum Beispiel in den Protesten gegen den weiteren Ausbau und Zusammenschluss von Skigebieten in Tirol erkennbar ist.

Zweitens stellt der Infrastrukturausbau der vergangenen Wirtschaftswachstumsphase Kommunen vor große Herausforderungen, wenn Wachstum stagniert und eine Austeritätspolitik Erhaltungsmaßnahmen von Infrastruktur verzögert oder gar einen Rückbau erzwingt. Dies hat seit den 80er-Jahren zum Abbau von Infrastruktur im ländlichen Raum und zur Konzentration dieser hin zu Ballungsräumen geführt. Am spürbarsten ist dies für die Landbevölkerung am Verschwinden der Hallen- und Freibäder. Hallenbäder sind nur noch dort verfügbar, wo Hotels diese auch für Nicht-Gäste zugänglich machen. Dies mag wie ein Luxusproblem wirken, erschwert aber auch das Erreichen gesamtgesellschaftlicher Ziele wie das Schwimmenlernen von Kindern.

Drittens wird Infrastruktur mehr als kritische Schwachstelle der Gesellschaft wahrgenommen, die versteckt und geschützt werden muss: vor Angriffen von außen, aber auch von innen, wie ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin für 45.000 Haushalte mitten im Winter dieses Jahres erfahrbar machte.

Die infrastrukturellen Lasten des Standortwettbewerbs werden somit zum Nachteil der wirtschaftlich schwächer gestellten Gemeinden. Langfristig wirkt dies umso mehr, da in einem industriellen Wirtschaftssystem, das auf Effizienzvorteile durch Skalierung basiert, Infrastruktursysteme dazu tendieren, sich zu konzentrieren. Obwohl dies Vorteile bringt, liegen hier auch Schwachstellen, die mit der Frage einhergehen, wie großtechnische, zentral organisierte Netzwerke in einer Post-Wachstumsgesellschaft funktionieren, in der nicht nur die Wirtschaft nicht mehr wächst, sondern auch die Bevölkerung zurückgeht und altert? Selbst so grundlegende Systeme, wie die Abwasserentsorgung, können herausfordernd werden, wenn die Anliegerdichte entlang ihrer Gefäße abnimmt, wie Beispiele aus dem ostdeutschen Raum zeigen.

Wo sehen Sie in ihrem Arbeitsbereich – bezogen auf das Thema Infrastrukturen - die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft?

Daher ist es wichtig, dass auch über alternative Konzepte von Infrastruktur nachgedacht wird. Dabei geht es um Systeme, die dezentral und lokal sind, damit ihre Nutznießer auch Teilhaber sein können, wirtschaftlich von diesen profitieren und politisch an deren Gestaltung mitwirken können. Diese kleinen Netze können nachfrageorientierter handeln und so resilientere Strukturen hervorbringen. Da sie viele sind, ist deren Schutz auch weniger kritisch für den Erhalt des Alltags. Wenn Infrastrukturbauwerke nicht in die Sphäre des Unbewussten der Gemeinschaft gedrängt werden, dann werden diese im Alltag sichtbarer. Damit wird eine Diskussion nötig, wie diese baukulturell integriert werden und welche Funktionen diese Flächen im Dienste ihrer Teilhaber sonst noch aufnehmen können.

Universitäten, Stadtplaner*innen und Architekt*innen, aber auch Künstler*innen und Ausstellungshäuser können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie diese Konzepte partizipativ erarbeiten und die heimlich im Hintergrund werkelnde Infrastruktur in den öffentlichen Diskurs bringen. Denn wie Harald Welzer sagt: „Die institutionellen Infrastrukturen regulieren das Wachstum, die materiellen manifestieren es, die mentalen übersetzen es in die lebensweltliche Praxis. Sie statten die Bewohner der Wachstumsgesellschaften mit den dazugehörigen Selbstkonzepten und Biografien aus.“ Wenn wir also entscheiden, welche Art von Infrastrukturentwicklung wir haben möchten, dann setzen wir auch den Rahmen für die Gestaltung unserer eigenen Biografien und der unserer Nachfahren.

Das architekturforum oberösterreich hat in dieser Hinsicht seit einigen Jahren vieles geleistet und die komplexen Zusammenhänge zwischen Bodenverbrauch, Wurzelraum, dem Metabolismus der Stadt und der damit einhergehenden Power (im doppelten Sinn) einer breiten Öffentlichkeit erfolgreich zugänglich gemacht.  

2022 hat Alexander Gogl die Ausstellung „Metabolimus der Stadt“ im afo architekturforum oberösterreich kuratiert und gestaltet. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gestaltung an der Universität Innsbruck, wo er lehrt und forscht. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dem Konzept des Stoffwechsels in Gebäude-, Stadt- und Regionalplanung. Alexander Gogl entwickelte Rauminstallationen für das aut in Innsbruck, die kulturtankstelle in Linz und das Melbourne Design Festival in Australien. Außerdem verfasste er einen Beitrag in einem Sammelband von Kees Christiaanse über die Kartierungen von Städten und koproduzierte „Pop the Bubble“, eine Interviewserie über Architektur aus der Sichtweise von Nicht-Architekt*innen.


Bibliografie

Gogl, Alexander. Metabolismus der Stadt. 1. Aufl. Nachsatz 12. afo architekturforum oberösterreich, 2023.

Gogl, Alexander, Gast. „Metabolismus der Stadt“. architekturforum, Regie von Sarah Praschak. Radio FRO, 4. Oktober 2022. 30:00. www.fro.at/meatbolismus-der-stadt/.

Zach, Reinhard, Reg. „Metabolismus der Stadt. Ausstellung, kuratiert von Alexander Gogl“. Produziert von afo architekturforum oberösterreich, geschrieben von Alexander Gogl. Dorftv, 29. November 2022. 13:48. www.dorftv.at/video/41287.

Laak, Dirk van. Alles im Fluss: die Lebensadern unserer Gesellschaft - Geschichte und Zukunft der Infrastruktur. S. Fischer, 2018.

Laak, Dirk van, Gast. „Alles im Fluss?“ architekturforum, Regie von Sarah Praschak. Radio FRO, 1. Dezember 2022. 30:00. www.fro.at/alles-im-fluss/.

Bogendorfer, Anatol, Regie. Der Faulturm. Arthouse. Produziert von Boxa Film. Hörstadt & Linz AG, 2021. MP4, 11:10. hoerstadt.at/projekte/der-faulturm/.

Domhardt, Konstanze Sylva. StadtRaumDetail: die Ausstattung des öffentlichen Raums vom Bordstein zur Straßenlaterne. DOM Publishers, 2020. ULB.

Lampugnani, Vittorio. Bedeutsame Belanglosigkeiten: kleine Objekte im Stadtraum. Verlag Klaus Wagenbach, 2019. ULB.

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