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Im Gespräch: Thomas Pühringer

IKB Innsbrucker Kommunalbetriebe AG

»[Infrastruktur] ist nie neutral. Jede technische Entscheidung ist auch eine räumliche und gesellschaftliche Entscheidung.« Thomas Pühringer, Vorsitzender des Vorstandes, IKB Innsbrucker Kommunalbetriebe AG

Thomas Pühringer © IKB Türtscher

Bei dieser Ausgabe der Architekturtage geht es um das Thema „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags“. Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?

Abgesehen von jeglichem transzendenten Zugang: Menschen können nur von, mit und durch Menschen überhaupt leben. Jeder Säugling braucht zum Überleben andere Menschen. Unser Leben kann nur in einem Netzwerk gelingen, ob in Familie oder Freundeskreis, in der Arbeit, im Verein oder in der Gesellschaft. Seit Jahrhunderten sind wir eine arbeitsteilige Gesellschaft gewohnt. Und zu dieser Arbeitsteilung gehört zumindest seit der Antike auch die Infrastruktur. Zuerst Wasser, Abwasser und Straßen. Später Strom (zuerst für Licht), dann Wärme und binnen kürzester Zeit auch Internet. Infrastruktur verbindet.    

Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?

Infrastrukturen sind gebaute Systeme von organisatorischen und digitalen Strukturen, die funktionieren müssen und die gleichzeitig auch den Raum, in dem gesellschaftliches Leben stattfindet, formen oder zumindest beeinflussen.

Auf der einen Seite stehen technische Anforderungen wie Leistungsfähigkeit, Verlässlichkeit, Sicherheit, Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Robustheit. Auf der anderen Seite steht räumliche Qualität: Aufenthaltsqualität, städtebauliche Einbindung, ökologische Wirkung, soziale Zugänglichkeit und kulturelle Bedeutung.

Infrastruktur ist die auf Langfristigkeit ausgelegte Verschmelzung von technischer Machbarkeit und gebauter Realität. Gleichzeitig prägt sie die räumliche Erfahrung von Individuen und Gemeinschaften. Sie ist damit nie neutral. Jede technische Entscheidung ist auch eine räumliche und gesellschaftliche Entscheidung.

Unabhängig von der Betrachtungsperspektive – ob Architektur, Stadtplanung, Ingenieurwesen, Landschaftsplanung oder Verkehrswesen – entsteht eine gemeinsame fachliche Verantwortung in mehreren Dimensionen:

1. Verantwortung für integrative Planung
Infrastrukturen dürfen nicht isoliert als technische Aufgabe betrachtet werden. Fachmenschen haben die Verantwortung, interdisziplinäre Prozesse zu gestalten, in denen Technik, Raum, Umwelt, soziale und auch finanzielle Belange gleichwertig betrachtet werden.

2. Verantwortung für nachhaltige Transformationsfähigkeit
Infrastrukturen prägen Räume über Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Daher trägt das Fachgebiet Verantwortung dafür, Ressourcen zu schonen, flexible und anpassbare Systeme zu schaffen und die Klimawirkung und Resilienz aktiv mitzudenken.

3. Verantwortung gegenüber Öffentlichkeit und Gemeinwohl
Infrastruktur beeinflusst Alltagsleben, Mobilitätschancen, Teilhabe, Gesundheit und damit das Wohlergehen einer Gesellschaft generell. Fachmenschen müssen deshalb Gerechtigkeit, Gleichbehandlung, Verfügbarkeit und Zugänglichkeit sicherstellen; Entscheidungen transparent machen und langfristige gesellschaftliche Wirkungen über kurzfristige Kostenoptimierung stellen.

4. Verantwortung für räumliche und kulturelle Qualität
Auch technische Projekte müssen einen Beitrag zu lebenswerten Orten leisten. Das bedeutet: sensible Einbindung in Stadt und (Kultur)Landschaft, Gestaltung, die auch ästhetisch und kulturell trägt sowie Schutz und Förderung von Identität, Atmosphäre und lokaler Bedeutung.

5. Verantwortung für Innovation und Zukunftsfähigkeit
Alle unsere Fachgebiete, und das sind im Fall der IKB AG viele: Wasser, Abwasser, Abfallwirtschaft, Versorgung mit Strom, Wärme (inkl. Erzeugung und Verteilnetze) und Internet sowie öffentliche Bäder und Saunen, müssen neue Technologien (z. B. digitale Zwillinge, AI-basierte Planung, kreislauffähige Materialien) so einsetzen, dass sie den Raum verbessern und nicht bloß Abläufe optimieren.

Eine Kurzformel könnte lauten: Infrastruktur = Technik × Raumqualität. Die Verantwortung jedes einzelnen Fachgebiets besteht darin, diese Multiplikation bewusst an finanzieller Tragfähigkeit, Leistbarkeit und am Gemeinwohl zu gestalten und zu orientieren. Technisch fundiert, räumlich sensibel, ökologisch verantwortungsvoll und vorbildlich sowie gesellschaftlich gerecht.

Wo sehen Sie in Ihrem Arbeitsbereich – bezogen auf das Thema Infrastrukturen - die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft? 

Oben habe ich bereits auf das sehr breite Leistungsspektrum der IKB AG hingewiesen. Diese vielen Geschäftsbereiche sind im Kontext eines Landes und einer Gemeinde zu sehen, in dem bzw. in der die „verfügbare Fläche“ ein enorm knappes Gut ist. Nur zwölf Prozent der Landesfläche von Tirol stehen für alle Nutzungen einer modernen Gesellschaft zur Verfügung. In der Stadt Innsbruck verhält es sich ähnlich. Daher wird bei uns oftmals schon der unterirdische Raum im öffentlichen Straßennetz knapp. Das allein ist per se eine sehr große Herausforderung. Wir werden uns daher wohl oder übel mit noch teurerem unterirdischem „Stapeln“ von Infrastruktur beschäftigen müssen, was im Fall von Störungen und Gebrechen zu noch höheren, längeren und teureren Behebungen führen würde.

Das Prinzip „n - 1“ stellt einen zentralen Sicherheitsgrundsatz in der Versorgung dar. Ein Netz muss auch dann stabil weiterbetrieben werden können, wenn ein einzelnes wichtiges Element ausfällt. „n – 1“ ist nicht nur ein wesentlicher Grundsatz einer Stromnetzbetreiberin, sondern gilt praktisch für alle Infrastrukturen. Resilienz ist für ein Unternehmen wie die IKB, das 24/7 an 365 Tagen im Jahr funktionieren muss, von enormer Bedeutung. Und dass wir diese Resilienz mit äußerst geringen Ausfallszeiten seit vielen, vielen Jahrzehnten bieten können, darauf basiert das Vertrauen unserer Kundinnen und Kunden in unsere Dienstleistungen und Produkte. Und dieses Vertrauen wollen wir weiterhin rund um die Uhr und an jedem Tag im Jahr rechtfertigen, sicherstellen, gewährleisten und erfüllen. Denn Vertrauen ist ein sehr hohes Gut.

Die nächste herausfordernde Dimension stellt die Sicherheit dar, und zwar die physische Sicherheit und die IT-Sicherheit. Beide Aspekte fordern uns bereits seit Jahren: Personell (plus einem Fachkräftemangel obendrauf) und finanziell! Das sind Kosten, die in den Preis der Infrastrukturen einkalkuliert werden müssen.

Die zeitnahe Wahrhaftigkeit in der Kommunikation stellt eine hohe Herausforderung dar. Die (mediale) Reaktionszeit wird immer kürzer. Dass Menschen oft wenig Verständnis für Baustellen und Störungen aufbringen, das wird uns auch in Zukunft beschäftigen. Denn Baustellen sind untrennbar mit unseren Aufgaben verbunden, wie wir überhaupt besonders dann auffallen, wenn es unangenehm wird: Im Fall von Gebrechen, die behoben werden müssen, oder im Fall von Baustellen. Beides ist für die betroffenen Personen naturgemäß unangenehm. Das ist uns selbst ebenso bewusst. Und doch sind beide Aspekte – Gebrechen und Baustellen – unvermeidlich – insbesondere in einer Stadt.

Und dann gelten voraussichtlich in den kommenden Jahren weiterhin einige Naturgesetze, auch in Innsbruck. Es stellt keine Lösung für die Energiewende dar, auf jedes Dach eine Photovoltaikanlage zu setzen oder ein paar wenige Windräder in die Landschaft zu bauen. Denn in allen Stunden, in denen die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, also in der Nacht oder bei sogenannter Dunkelflaute, braucht es dennoch Erzeugung. Und zwar in jeder Sekunde so viel, wie gerade gebraucht wird. Zusätzlich müssen wir große Teile der Raumwärme und des Verkehrs dekarbonisieren. Also bauchen wir Erzeugungskapazitäten, sprich Kraft- und Heizwerke, die möglichst schonend und umweltfreundlich Strom und Wärme genau dann erzeugen, wenn Strom und Wärme gebraucht werden. Dafür braucht es Flächen und neue, zusätzliche Infrastrukturnetze (gemeint: Fernwärme und immer mehr auch -kälte). Und zwar nicht im Weltall, in der Sahara oder sonst wo weit weg, sondern hier bei uns. Allein mit dem Sparen von Energie und noch effizienteren Geräten können wir diese Ziele nicht erreichen. Das wird vielen Menschen nicht gefallen. Das ist jedoch die Realität. Das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung: Den Menschen nahezubringen, dass auch in Österreich und Europa Naturgesetze gelten, die niemand einfach abschaffen oder ändern kann. Dennoch bin und bleibe ich zuversichtlich und optimistisch: „wir > ich“ – diesen Grundsatz des gesellschaftlichen Zusammenlebens müssen wir als Infrastrukturbetreiberin immer und immer wiederholen, verständlich kommunizieren, vorbildlich in die Tat umsetzen und konkret vorleben. Dann wird es uns allen gemeinsam gelingen, die Infrastruktur der Zukunft sehr gut und menschenfreundlich zu gestalten.


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