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Im Gespräch: Smartvoll Architekten

»Gute Infrastruktur wirkt immer auch als sozialer Katalysator: Sie macht Orte lebendig, stiftet Identität und verwebt die Alltagswege der Menschen zu einem funktionierenden, gemeinschaftlichen Gefüge.«

Smartvoll wurde 2013 von Christian Kircher und Philipp Buxbaum in Wien gegründet. „Smartvoll Architekten designen Interventionen. Es sind zu gleichen Teilen ökologische, bauliche und gesellschaftliche Interventionen in Bestehendes. In vielfältigen Projekten haben sie bewiesen, dass sich von der Industriebrachen bis zum Dorfkern alles reanimieren lässt – sofern man es mit Mut und Leidenschaft tut.“ Eines der viel beachteten Projekte: die Umsetzung der Halle für die Großwärmepumpe für Wien Energie in Simmering. Am Areal der Hauptkläranlage Wien entsteht eine neue Maschinenhalle, in deren Inneren die Restwärme des gereinigten Wassers in Energie für bis zu 112.000 Wiener Haushalte transformiert wird.

Bei dieser Ausgabe der Architekturtage geht es um das Thema „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags“. Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?

Im Allgemeinen schaffen aus unserer Sicht Infrastrukturen dann Verbindung, wenn sie Begegnung, Austausch und Teilhabe ermöglichen. Gute Infrastruktur wirkt immer auch als sozialer Katalysator: Sie macht Orte lebendig, stiftet Identität und verwebt die Alltagswege der Menschen zu einem funktionierenden, gemeinschaftlichen Gefüge.

Für uns liegt der Schlüssel in einem menschlichen Maßstab und einem vielschichtigen Nutzungsmix. Orte werden dann zu verbindenden Räumen, wenn sie durch ihre Gestaltung und Programmierung einladen: belebte Sockelzonen, kleinteilige Strukturen, kurze Wege und durchlässige Stadträume, die zu Fuß erreichbar sind. All das schafft Nähe – räumlich und sozial.

Ein Beispiel, an dem wir diese These in der Praxis geprüft haben, ist das Gemeindezentrum Großweikersdorf. Dort haben wir bewusst eine Infrastruktur geschaffen, die verschiedene Funktionen unter einem Dach bündelt und miteinander verzahnt: Verwaltung, Kultur, Gesundheit, Vereinsleben. Und das mitten im Dorfzentrum. Dadurch entsteht ein Ort, an dem unterschiedliche Lebensbereiche zusammenfinden. Infrastruktur wird hier zur Klammer, die Gemeinschaft stärkt und Alltag verbindet.

Etwas spezieller kann man Infrastrukturen betrachten, wenn man das Wort auch wörtlich nimmt. Infrastrukturbauten hatten in der Epoche der industriellen Revolution eine große baukulturelle Bedeutung – man denke an Bahnhöfe oder Fabriken in kunstvollen Backsteingebäuden. Nachdem die Charta von Athen emissionsbelastetes Gewerbe weitgehend an den Stadtrand verbannte, sank auch das Animo, diese Gebäude baukulturell qualitätsvoll einzubinden, einzig der Mobilitätssektor konnte sich seinen Anspruch an qualitätsvolle Architektur zumindest halbwegs bewahren. 

Waren diese Gebäude in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Ausdruck von wirtschaftlicher Prosperität und nicht selten auch eine Wohlstandsdemonstration ihrer Besitzer, ist genau diese öffentliche Transport- und Bedeutungsebene stark im Wandel begriffen. Gebäude, die mit lärmender und rußender Produktion gefüllt waren, konnten nach außen, nebst Ihrer Gestaltung, nur jene Geschichte erzählen: Fortschritt, Wohlstand und Beschäftigung. Die Großwärmepumpe der Wien Energie in Simmering ist hingegen die Weiterentwicklung auf der inhaltlichen Ebene. Industrielle Infrastrukturgebäude lärmen, stauben und qualmen nicht mehr – im Gegenteil – sie tragen zur Einlösung des Green Deals bei, etwa indem sie dem Abwasser einer Kläranlage so viel Energie entziehen, dass es als Fernwärme für 120.000 Haushalte reicht. 

Die neue Bedeutung von Infrastrukturen und ihrer Gestaltung mündet in Vermittlung, Bildung und Kommunikation. Es besteht dringender Bedarf jene Maßnahmen und Inhalte aufzuzeigen und zu vermitteln, die uns dabei helfen, unsere lineare, ressourcenraubende und auf endlosem Wachstum aufgebaute Wirtschaft in einen Kreis zu biegen, Klimaziele zu erreichen und eine ökosoziale gesellschaftliche Transformation herbeizuführen, die es uns erlaubt mit unserer Umwelt in Einklang zu leben, ohne auf unseren Wohlstand verzichten zu müssen.

Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?

Für uns bedeutet Infrastruktur weit mehr als die technische Grundlage eines Gebäudes oder Quartiers. Wir sehen uns aber darüber hinaus verpflichtet, Architektur nicht nur ästhetisch zu denken, sondern immer im Zusammenspiel mit Ressourcen, Kreislauffähigkeit, Biodiversität, Energie und Mobilität. Infrastruktur bildet damit das Fundament einer klimagerechten und sozial verträglichen Gestaltung unserer gebauten Umwelt – sie entscheidet darüber, wie effektiv Systeme funktionieren, wie flexibel Räume genutzt werden können und wie nachhaltig Architektur langfristig wirkt. 

Unsere Verantwortung als Architekt:innen liegt daher darin, technische Anforderungen so zu interpretieren, dass sie nicht nur funktionieren, sondern Atmosphären ermöglichen, ökologische Verbesserungen unterstützen und soziale Prozesse stärken. 

Wo sehen Sie in ihrem Arbeitsbereich – bezogen auf das Thema Infrastrukturen - die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft? 

Wir sehen uns mit Herausforderungen konfrontiert, die tief in die Frage eingreifen, wie wir in Zukunft bauen und leben wollen. Der Klimawandel und die zunehmende Ressourcenknappheit verlangen nach einem Einbremsen unseres Wachstumswahns, während gleichzeitig der Bedarf an Wohnraum stetig wächst.  Es wird also immer dringlicher, bestehende Gebäude, Flächen und Infrastrukturen intelligent weiterzuentwickeln, statt neue Flächen zu versiegeln. Die Zukunft liegt nicht im permanenten Neubau, sondern im Umnutzen, Verdichten und Transformieren. Darin steckt nicht nur ökologisches Potenzial, sondern auch die Chance, lokale Identität zu stärken und soziale Strukturen zu revitalisieren. 

Für uns bedeutet das, dass es darum geht, mit weniger Ressourcen mehr räumliche Qualität zu erzeugen, Orte wieder mit Bedeutung zu füllen und Infrastrukturen so zu gestalten, dass sie flexibel, gemeinschaftsfördernd und zukunftsfähig sind. 


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