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Im Gespräch: Katharina Lackner

»Für mich ist Infrastruktur nicht nur ein technisches Gerüst, sondern ein lebendiger Möglichkeitsraum.« 

Katharina Lackner ist Künstlerin, Kuratorin und Spielexpertin. Nach verschiedenen beruflichen Stationen übernahm sie 2025 die kuratorische Leitung des Bereichs „Ozean“ im ZOOM Kindermuseum Wien und ist zudem mit Lehraufträgen an unterschiedlichen Hochschulen in Österreich tätig. In ihrer Arbeit versteht sie Kunstschaffen als spielerischen Prozess und begreift das Spiel selbst als eine zentrale Form kreativer Praxis. Auf dieser Grundlage verbindet sie künstlerische Produktion und Vermittlung und entwickelt generationsübergreifende, immersive und partizipative Ausstellungen sowie Projekte mit einem ganzheitlichen, szenografischen Ansatz. Ihre künstlerischen Ideen setzt sie in Installationen, Zeichnungen und ortsspezifischen Interventionen um. Das Ermöglichen und Gestalten partizipativer, kreativer, spielerischer und selbstbestimmter Prozesse und Räume – ob als Kunstwerk, Workshop oder Projekt – bildet einen zentralen Bestandteil ihrer Arbeit. Zu ihren Projekten im Jahr 2025 zählen unter anderem Neues aus der Sammlung der Kunstsammlung Oberösterreich, Facetten, ein Buch im Auftrag der Stadt Linz, Nanu / Kunst am Bau gemeinsam mit Cécile Belmont und Gregor Graf in Linz sowie Aber schon Bewegung im Salzamt Linz.

Katharina Lackner © Privat

Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?

Infrastruktur verbindet Menschen räumlich und emotional, im besten Fall barrierearm und würdevoll und macht Begegnungen erst möglich. Ob zur Arbeit als Pendler:in, zum kulturellen Austausch, zur Naherholung, aber auch für vulnerablen Menschen, um ohne fremde Unterstützung agieren zu können. In Form von öffentlichem Transport verbindet sie Regionen, ohne Orte sozialer Abgeschiedenheit, fördert lokale Mobilität, soziale Teilhabe und wirtschaftliche Kooperationen.

Ein fast banales Beispiel sind konsumfreie, gemeinschaftlich nutzbare Flächen im öffentlichen aber auch halböffentlichen Räumen, die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und Teilhabe am öffentlichen Leben erst ermöglichen. Angefangen bei (bequemen) Tischen und Bänken bis hin zu Wasserspendern, auch die Pflege und Wertschätzung dieser ist zentral. (Meist) gut gemeint sind Spielplätze, die aber bei genauerer Betrachtung nur eine Sonderumwelt für Kinder darstellen und nicht gewährleisten, dass diese im gesamten öffentlichen Raum Platz finden und so am gesellschaftlichen Leben mit allen und allem, was dazugehört, teilhaben können. Wir brauchen gemeinschaftlich nutzbare Räume, die es ermöglichen, diese auf vielfältige Weise zu nutzen und müssen verhindern, isolierte Inseln für isolierte Gruppen zu schaffen.

Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?

Für mich ist Infrastruktur nicht nur ein technisches Gerüst, sondern ein lebendiger Möglichkeitsraum, in dem räumliche Qualität, soziale Teilhabe und kreative Prozesse ineinandergreifen. Sie soll Sicherheit geben, Begegnung ermöglichen und ästhetische wie kulturelle Bildung fördern. Gerade in der Arbeit mit Kindern zeigt sich, wie wesentlich diese Schnittstelle ist: Kinder reagieren intuitiv auf Räume – sie spüren, ob ein Ort Offenheit, Exploration und Selbstwirksamkeit ermöglicht oder ob er nur technische Anforderungen erfüllt. Der Wissenschaftler Tim Gill beschreibt Kinder als eine indikative Spezies, die anzeigt, ob ein Ort gut funktioniert und gesund ist. Infrastruktur kann also eine Bühne sein, auf der lebendige, kreative, soziale und emotionale Begegnungen stattfinden können.

Die Verantwortung meines Fachgebiets sehe ich darin, Räume bewusst zu gestalten, kritisch zu begleiten und vor allem Kindern Mitspracherechte einzuräumen. Kunst, Gestaltung und kuratorische Praxis können sichtbar machen, wie Infrastruktur wirkt, wo sie ausschließt und wo sie Potenziale bietet. Sie können Experimentierräume eröffnen, in denen wir nicht nur Nutzer:innen, sondern Mitgestalter:innen sind.

Damit trägt mein Fachbereich dazu bei, dass Infrastruktur nicht allein technisch „machbar“, sondern menschlich, sinnlich und gesellschaftlich relevant wird – und dass die Räume, in denen wir leben und uns entwickeln, die Bedürfnisse und Perspektiven der Jüngsten genauso ernst nehmen wie die der Erwachsenen.

Wo sehen Sie in ihrem Arbeitsbereich – bezogen auf das Thema Infrastrukturen - die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft?

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani beschreibt Kinder als strukturelle Außenseiter:innen unserer Gesellschaft. Sie sind Randerscheinungen, in Familien oder Sonderumwelten des Erziehungs- und Bildungssystems ausgelagert und werden strukturell übersehen. Der Wissenschaftler Tim Gill geht weiter und bezeichnet Kinder als die größte in Gefangenschaft gehaltene Spezies unseres Planeten. Auch ihre Eltern gehören, aufgrund der Überalterung unserer Gesellschaft, einer immer kleiner werdenden Gruppe an. Ihre Wähler:innenstimmen zählen also nicht viel, keine Lobby, keine Sichtbarkeit, keine Macht. Doch ist auf der anderen Seite unsere Erwartungshaltung an Kinder enorm hoch. Sie sind es, die in Zukunft flexibel und kreativ auf alle möglichen Problemstellungen reagieren und innovative Lösungen finden müssen. Und all das, ohne sie im Hier und Jetzt dazu zu befähigen. Auf den Schultern der Kinder und Eltern lastet die Zukunft eines gesellschaftlichen Generationenverhältnis in Schieflage. Große Erwartungen und große Belastungen, die einer Minderheit aufgetragen werden, die derzeit systematisch ignoriert wird und gleichzeitig schon jetzt betroffen ist.

Eine Schieflage, die sich nicht verbessern, sondern zuspitzen wird. Die zentrale Herausforderung, nicht nur in meinem Arbeitsbereich, sondern ein enorm dringliches, gesamtgesellschaftliches Problem, ist und wird sein, diese Schieflage irgendwie auszugleichen und uns um die Erfahrungsräume der Kinder und Jugendlichen im Hier und Jetzt zu kümmern. Ob es um die Investition in Infrastrukturen oder unsere Haltung ihnen gegenüber geht, beides bedarf schnellstmöglicher, gravierender Verbesserung!


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