Im Gespräch: illiz architektur
»Wir möchten uns gestalterisch auf das funktional Notwendige einlassen. Im besten Fall entsteht daraus eine eigenständige Gebäudeidee, die dem Bauwerk Identität verleiht und einen Effekt auf Benutzer und Betrachter ausübt.«
illiz architektur wurde 2008 von Sabrina Mehlan, Petra Meng und Stefanie Wögrath gegründet und besteht seitdem an den beiden Standorten Wien und Zürich. Illiz hatte früh die Gelegenheit an komplexen und interdisziplinären Projekten mitzuwirken. Offenheit für Neues sowie ständige Perspektivwechsel in einem Team von Spezialisten waren hier wesentlich für das gute Gelingen und haben die Arbeitsweise der drei Gründerinnen nachhaltig geprägt. Das Büro bearbeitet Architekturprojekte verschiedenster Größenordnungen für öffentliche und gewerbliche Auftraggeber im Bereich Bildung, Sport und Gesundheit, im Infrastrukturbau sowie im Wohnungsbau. Weiters unterstützt das Team Städte und Gemeinden sowie private Investoren mit der Erstellung von Bebauungsstudien und ist als Juror für Wettbewerbsverfahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig.
illiz Architektur © Studio Heidegger
Bei dieser Ausgabe der Architekturtage geht es um das Thema „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags“. Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?
Der Zugang zu technischer und sozialer Infrastruktur ist die Grundlage für Chancengleichheit und Teilhabe, und damit das Fundament unseres Zusammenlebens. Bei uns in Österreich wird viel dafür getan, flächendeckend gute und inklusive Angebote zu entwickeln bzw. aufrecht zu halten. Neben dem öffentlichen Raum bilden Infrastrukturen – wie Bauten für Bildung, Sport, Gesundheit und Verkehr – alltägliche Räume für Interaktion auf „neutralem Boden“. Als niederschwellige Orte für zufällige Begegnungen und ungebundenes Verweilen schaffen sie auch wichtige Alternativen zu konsumorientierten Räumen. Zudem bilden sie als physische Orte eine authentische und unmittelbare Ergänzung zur virtuellen Welt. Dabei funktionieren Infrastrukturen besonders gut im Zusammenspiel aus Institutionen und Netzwerken: Mit der U-Bahn vom Kindergarten ins Hallenbad, die Eintrittskarte natürlich während der Fahrt online gekauft – ohne Infrastruktur nicht möglich.
Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?
Wir verstehen technischen und gestalterischen Anspruch als sich überlagernde Anforderungen, und weniger als „konkurrierende“ Interessen, die zwischen den Vertretern projektweise verhandelt werden. Das setzt voraus, dass sich die Akteure in einem interdisziplinären Prozess engagieren, oft wird dieser von uns intensiv moderiert. Bei unserer Arbeit versuchen wir die technischen Anforderungen eines Bauwerks durch Architektur weder zu überformen noch zu verstecken. Wir möchten uns gestalterisch auf das funktional Notwendige einlassen. Im besten Fall entsteht daraus eine eigenständige Gebäudeidee, die dem Bauwerk Identität verleiht und einen Effekt auf Benutzer und Betrachter ausübt.
Ein frühes Infrastrukturprojekt von uns ist das Unterwerk Oerlikon für die Elektrizitätswerke Zürich. Durch ein großes Schaufenster, welches durch eine permanente Kunstinstallation inszeniert wird, werden den Passanten Einblicke in die Hochspannungsschaltanlage geboten, die 12m tiefer im unterirdischen Gebäudeteil liegt. Dabei handelt es sich um eine kritische Komponente der technischen Infrastruktur, die im Normalfall bestens versteckt und geschützt wird und demnach kaum jemand zu Kenntnis nimmt. In Oerlikon wurde eine erhebliche Investition in die elektrische Versorgung sichtbar gemacht und damit zur Auseinandersetzung mit technischer Infrastruktur angeregt.
Die Idee, einen Teil des Unterwerks einsehbar zu machen, stammte von den Bauherren selbst. Auch wenn diese Vorstellungen sehr vage und mit vielen Fragezeichen versehen waren, ohne mutige Auftraggeberinnen geht es nicht.
Wo sehen Sie in ihrem Arbeitsbereich – bezogen auf das Thema Infrastrukturen - die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft?
Akut erleben wir die größten Herausforderungen in der Finanzierbarkeit des festgestellten Bedarfs. Dabei spielen einerseits die hohen Baukosten, aber auch die immer komplexeren Prozesse und weitreichenderen Verfahren eine große Rolle. Die brennenden Themen der Ressourcenschonung, nachhaltigen Energieversorgung, Klimawandelanpassung etc. stehen bei allen Fachdisziplinen auf der Prioritätenliste sehr weit oben, auch bei uns. Hinzu kommt, dass wir unsere Arbeitsmethoden, aber auch unsere Sehgewohnheiten, im Hinblick auf die Prinzipien des zirkulären Planens und Bauens stark verändern werden müssen.
Bei all diesen Herausforderungen hoffen wir, dass der gestalterische Anspruch von Infrastrukturen nicht auf der Strecke bleibt, weil sie als „Zweckbauten“ kategorisiert und damit mangelnde bzw. nicht finanzierbare baukünstlerische Ambition gerechtfertigt wird. Bauwerke sind nie nur Mittel zum Zweck, sondern werden über Jahrzehnte – besser noch Jahrhunderte – Teil unserer gebauten Umwelt, Teil unseres Alltags, Teil unserer Identität.