Im Gespräch: Elisabeth Schweeger
Elisabeth Schweeger ist Literaturwissenschaftlerin, Kulturmanagerin und Intendantin und lebt und arbeitet in Deutschland sowie in Österreich. Sie studierte Komparatistik und Philosophie in Innsbruck, Wien und Paris. In ihrer Laufbahn war sie unter anderem Künstlerische Geschäftsführerin der Kulturhauptstadt Bad Ischl – Salzkammergut 2024 GmbH sowie von 2014 bis 2022 Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Zuvor war sie Intendantin der KunstFestSpiele Herrenhausen in Hannover (2009–2015), Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel sowie Intendantin des Schauspiels Frankfurt (2001–2009). Darüber hinaus ist Elisabeth Schweeger als Kuratorin tätig, unter anderem für die Akademie der bildenden Künste Wien, die Biennale Venedig, Ars Electronica Linz, die documenta in Kassel sowie für OK Linz und die Landesgalerie Linz.
Elisabeth Schweeger © die arge Lola
Bei dieser Ausgabe der Architekturtage geht es um das Thema „Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags“. Inwiefern tragen Ihrer Meinung nach Infrastrukturen dazu bei, Menschen, Orte oder Gemeinschaften zu verbinden? Welche Beispiele fallen Ihnen spontan ein?
Jede Möglichkeit, sich zu treffen und auszutauschen, ist ein gesellschaftliches Muss. Die kulturellen Strukturen, wie Museen, Theater, Cabarets, Kunsthallen etc. sind maßgeblich für ein ziviles Miteinander notwendig, wie diese auch für ein differenziertes Denken und eigenverantwortliches Abwägen die Basis schaffen.
Vereine, Schulen, Universitäten – also Ausbildungsstätten – sind auch Orte der Begegnungen, die verbindend wirken. Nicht zu vergessen sind Caféhäuser, Restaurants, Gasthäuser, Wirtshäuser, wo der „Stammtisch“ oder die Möglichkeit, sich öffentlich wie im privaten Salon zu treffen und auszutauschen – übrigens wären diese Orte besonders auch im ländlichen Raum wichtig für Gemeinschaftsbildung, leider durch mannigfaltige Schließungen nicht überlebensfähig.
Fehlen diese Orte für kulturelle oder auch gastronomische Erlebnisse, wird die Gesellschaft kaum Möglichkeiten haben, sich zu finden, zu entlasten, zu trösten, zu erinnern, um Neues zu entwickeln. Und somit durch und mit Anderen Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen.
Und letzten Endes sind die demokratischen Strukturen wie Parlamente und Parteien Orte der öffentlich gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die die Gemeinschaft prägen, um friedlich aufeinander zuzugehen. Sie alle sind ein Garant für Selbsterkenntnis und respektvolles Verhalten auch gegenüber anders Denkenden.
Wie definieren Sie Infrastruktur als Schnittstelle zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität – und welche Verantwortung sehen Sie dabei für Ihr Fachgebiet?
Infrastrukturen sind zunächst einmal Schnittstellen zwischen Menschen. Für technische Machbarkeiten hat einerseits die Politik als Vertretung der Gesellschaft für den öffentlichen Raum zu sorgen und andererseits die Architekt*innen. Die räumliche Qualität bestimmt dann, wie die Menschen sich in der geschaffenen Infrastruktur verhalten, aufnahmefähig sind, sich gemeint fühlen, und damit voneinander lernen, zuhören können und ziviles Vorgehen ermöglichen. Der Architekt ist hier maßgebend, sofern eine Abstimmung gemeinsam auf Augenhöhe mit Bauherr:innen und dem Inhalt als selbstverständlich gilt.
Wo sehen Sie im Bereich Kultur – bezogen auf das Thema Infrastrukturen – die zentralen Herausforderungen in naher Zukunft?
Jede Gesellschaft braucht Orte, wo sie gemeinsam erleben, denken, empfinden kann, um, wie oben bereits erwähnt, differenziertes Betrachten zu eigenverantwortlichen Meinungsbildungen und Handlungsstrategien zu ermöglichen – sie sind unverzichtbar, im Sinne einer sich demokratisch verstehenden Gesellschaft.
Je mehr sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung und Information nun auch digital entwickelt, umso mehr müssen analoge Orte gleichwertig behandelt werden. Und sollten nicht eingespart werden. Deren Überleben sollte gesichert sein (Museen, Theater, Bildungsstätten etc.), da sie Orte der Erinnerung einerseits, aber vor allem auch Inspiration für die Gestaltung der Zukunft sind.
Allerdings wird der digitale Raum maßgeblich die Welt von Morgen bestimmen und umformen. Das gesellschaftliche Miteinander befindet sich in Transformation. Die Kultur muss sich diesen Raum erobern, ihn annehmen, für sich in Eigenständigkeit eigenverantwortlich definieren, gestalten und nutzen. Und ihn nicht der Technik/der KI oder den Algorithmen allein überlassen.
Das werden die größten Herausforderungen sein, wo die Schnittstellen zwischen technischer Machbarkeit und räumlicher Qualität mit neuen Orientierungen, neuen inhaltlichen Maßstäben den zukünftigen Erfordernissen gerecht werden muss. Dies hoffentlich, ohne die besondere Art des Menschen in Vergessenheit geraten zu lassen, dass dieser sich bis dato durch seine Vielfalt und Neugierde ausgezeichnet hat und eine Welt so bunt, so unterschiedlich und so resilient wie die Natur selbst erschaffen hat.